DE

EN

Gestern Heute Morgen

Fünf Erinnerungsorte für das Pogrom
von Rostock Lichtenhagen 1992

Gestern Heute Morgen - "Politik"

1   Politik

2   Selbstjustiz

3   Staatsgewalt

4   Medien

5   Gesellschaft

Fünf Erinnerungsorte

Das Kunstwerk Gestern Heute Morgen der Künstlergruppe SCHAUM ging als Siegerentwurf aus einem Kunstwettbewerb für das »Erinnern und Mahnen an Rostock-Lichtenhagen 1992« hervor, den die Hansestadt Rostock 2016 ausgelobt hatte.

Die fünf resultierenden Erinnerungsorte der Künstlergruppe sind eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Pogrom von Rostock-Lichtenhagen.

 

Das Pogrom

Im August 1992 erlebte Rostock-Lichtenhagen mehrtägige rassistische Ausschreitungen, die sich gegen osteuropäische Asylbewerberinnen und Asylbewerber und ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeiter richteten. Diese wurden – teils unter dem Beifall von bis zu 3.000 Zuschauenden – mit Steinen und Brandsätzen angegriffen. Feuerwehreinsätze wurden behindert, Polizeikräfte verhielten sich passiv, zogen sich zeitweilig zurück und überließen die Opfer ihrem Schicksal. Schauplatz der Attacken war das wegen seiner Fassadengestaltung so genannte »Sonnenblumenhaus«, in dem damals etwa 120 Menschen aus Vietnam lebten und in dem sich auch die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAST) befand.

Die Aufarbeitung

Seit diesen Geschehnissen galt es für die Stadtgesellschaft, Antworten auf die Frage zu finden, wie sie diese Ereignisse aufarbeiten und dabei zugleich politische Verbindungen zur Gegenwart herstellen kann. Vor diesem Hintergrund beschloss die Rostocker Bürgerschaft im September 2015, unter anderem den Kunstwettbewerb »Erinnern und Mahnen an Rostock-Lichtenhagen 1992« auszuloben. Zum 25. Jahrestag des Pogroms wird der Siegerentwurf Gestern Heute Morgen der Künstlergruppe SCHAUM an fünf Standorten realisiert, die konkrete Bezüge zu den rassistischen Handlungen und ihren gesellschaftlichen Kontexten aufweisen.

Gestern Heute Morgen

Ein gemeinsames, wiedererkennbares Merkmal der fünf Elemente des dezentralen Kunstwerks ist die kubische, weiße Form, die an leere Sockel für Skulpturen erinnert. Diese symbolische »Leerstelle« verweist darauf, dass die Beteiligung des Publikums für das Funktionieren der künstlerischen Arbeit ausschlaggebend ist. Jeder der fünf Kuben ist, dem jeweiligen Standort entsprechend, spezifisch gestaltet und betitelt. Die Kunstwerke wollen keine Antworten oder Schuldzuweisungen geben, vielmehr befragt SCHAUM in allen Figuren die Sicht- und Handlungsweise des Einzelnen. Wie hätten wir gehandelt – wie handeln wir – und wie werden wir in Zukunft mit dieser Problematik umgehen? SCHAUM appelliert an die Mitmenschlichkeit – die Empathie – und verweist durch die Titel der Figuren gleichzeitig auch auf die Säulen der Demokratie. Denn nur wenn alle demokratischen Kräfte wirken, funktioniert eine Gesellschaft.

Lichtenhagen im Gedächtnis

Parallel dazu wurde ein Archiv zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Hintergründe in Auftrag gegeben.
Das Projekt »Lichtenhagen im Gedächtnis« hat sich die Erstellung und Veröffentlichung von Bildungsmaterialien und Handreichungen zur Thematisierung in der Bildungsarbeit zur Aufgabe gemacht.

1  Politik

Das Werk mit dem Titel Politik steht vor dem Rathaus. Die obere Seite des Quaders weist eine Vertiefung in Gesichtsform auf. Von den Augen verlaufen Bohrungen durch den Stein, die sich an dessen Seiten als Kanneluren bis zu einem benachbarten Kanaldeckel fortsetzen. Diese Gestaltung lädt ein zur Trauer, Demut und Verneigung vor den Opfern – und wirft zugleich die Frage nach der Glaubwürdigkeit öffentlicher, politischer Gesten auf. Mit dem Standort vor dem Rathaus als politischer Institution wird auch daran erinnert, dass die Eskalation der rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992 für eine Verschärfung des Asylrechts instrumentalisiert wurde.

Laaser Marmor, 32×32×120cm, Granit

   

 

2  Selbstjustiz

Ein Kubus mit dem Titel Selbstjustiz steht vor dem so genannten »Sonnenblumenhaus« in Rostock-Lichtenhagen, dem Ort des Pogroms. Der Kubus steht in einer der Gehwegplatten, die schon 1992 zertrümmert und als Wurfgeschosse missbraucht wurden. Auf der Oberseite der Figur ist passgenau ein Bruchstück der Bodenplatte lose eingelegt. Die Möglichkeit, es herauszunehmen und zu verwenden, verdeutlicht eine bis heute anhaltende Bedrohungssituation und fordert die Betrachtenden dazu auf, ihr eigenes Verhältnis zu konkreter, physischer, aber auch zu abstrakter, struktureller Gewalt zu reflektieren.

Der »Stein des Anstoßes« wurde bereits drei Tage nach der Einweihung gestohlen.

Laaser Marmor, 42×42×120cm, Titel-Bodenplatte,120×120×12cm; Betonbruchstein (gestohlen), ca. 25×12×12cm

   

 

3  Staatsgewalt

Vor der Polizeidirektion Rostock an der Straßenecke Ulmenstraße/Hansastraße steht ein Kubus mit dem Titel Staatsgewalt. Der Marmorblock ist in zwei Richtungen geneigt. In alle fünf Oberflächen ist Text eingefräst; dieser beginnt auf der Oberseite des Kubus mit dem Satz »Die Polizei hat...« des §7 des »Gesetzes über die öffentliche Sicherheit und Ordnung in Mecklenburg-Vorpommern«. In diesem Paragraphen werden die Aufgaben der Polizei als ausführender Staatsgewalt formuliert – beispielsweise »im Rahmen der Gefahrenabwehr auch Straftaten zu verhüten«. Damit ist das Versagen der Polizei in Rostock-Lichtenhagen 1992 thematisiert, Gefahren abzuwehren und Straftaten zu verhüten.

Laaser Marmor, 42×42×140cm, Betonstein

   

 

4  Medien

Vor dem Sitz der Ostsee-Zeitung befindet sich der Kubus mit dem Titel Medien. Die Oberseite des Kubus trägt ein Verschiebepuzzle. Die beweglichen Spielsteine tragen die damals wie heute aktuellen Schlagworte »Asyl«, »Recht«, »Neid«, »Mut« und »Angst« sowie die Präpositionen »auf«, »zu« und »vor«. So können unterschiedliche Slogans gebildet und auf mögliche Bedeutungen überprüft werden. Angesprochen wird damit auch die Mitverantwortung von Medien für die Ereignisse in Rostock-Lichtenhagen und für rassistische Denk- und Verhaltensmuster allgemein.

Laaser Marmor, 62×62×100cm, Schiebespiel aus Kunststein, Betonstein

   

 

5  Gesellschaft

Der fünfte Kubus mit dem Titel Gesellschaft ist in der Nähe des ehemaligen Standortes des Jugend Alternativ Zentrums (JAZ) platziert. Im oberen Bereich der zwei Meter hohen Stele befindet sich eine Öffnung in Form eines stilisierten Vogelhauses. In Anspielung auf das »Sonnenblumenhaus« wird hier dazu eingeladen, als empathischen Akt Sonnenblumenkerne abzulegen – nachdem man die Bepflanzung mit Disteln überwunden hat. Der Standort erinnert daran, dass das JAZ während des Pogroms Treffpunkt für antifaschistische Aktivistinnen und Aktivisten war, die versuchten, eine Gegenkraft zu den fremdenfeindlichen Ausschreitungen zu entwickeln.

Laaser Marmor, 42×42×180cm,
Einfriedung mit Brennnesseln und Disteln, Betonstein

   

 

Das Kunstbuch für Kinder

Das sechste Element des dezentralen Kunstwerks Gestern Heute Morgen ist ein Kunstbuch, das kostenlos verbreitet wird und ein Päckchen Sonnenblumensamen enthält. Für den französischen Geschichtsphilosophen Pierre Nora sind »Erinnerungsorte« nicht nur konkrete Orte, sondern auch Bücher, Bilder oder Ereignisse, an denen sich ein Sinn für Gemeinschaft kristallisieren kann.
In diesem Verständnis ist auch das Kunstbuch Traut euch, kleine Vögel! ein solcher »Erinnerungsort«. Darin greift die Autorin und Gestalterin Ulrike Steinke das Motiv des Vogelhauses auf und macht es zum Schauplatz einer Fabel. Die unterschiedlichen Tiere verhandeln darüber, warum alle von einem gelungenen Zusammenleben unter einem Dach profitieren können. Das Werk wählt die Form und die Sprache eines Kinderbuchs – von dem sich auch Erwachsene angesprochen fühlen dürfen.

 

Impressum

Herausgeber

Artist Collective SCHAUM
kontakt[at]derschaum.de

Redaktion

Hansestadt Rostock
Amt für Kultur, Denkmalpflege und Museen
kulturamt[at]rostock.de

Abbildungen
Künstlergruppe SCHAUM, Ulrike Steinke, Hansestadt Rostock

Gestaltung und Programmierung
bureau für typografie & fotografie